MEDEX war der erste Fluchtraum, den wir geöffnet haben. Wir hatten dabei eine Reihe Artikel vorbereitet, die künftige Spieler anlocken sollten – dies ist einer davon. MEDEX ist, wie Sie vielleicht wissen, eine Agentur, die Kunden an Mietmörder vermittelt, von denen der geheimnisvollste der Mann mit dem Spitznamen Schnabel ist (seine Figurine haben wir bei uns im Flur).

Wissen Sie, ich war noch ein kleiner Junge, also kann man das verstehen, oder? Mein Vater war ein großes Tier in einem Unternehmen, wo Marmeladen gemacht wurden, und nicht nur Marmeladen, sonder alle Arten von Obst, vergessen Sie nicht, es war Anfang der Achtziger, also tiefster Sozialismus. Es war in der Weihnachtszeit, wie jedes Jahr habe ich den Vater mit dem Zug abgeholt, im Klartext abgeschleppt, weil sie im Werk jedes Mal vor dem Heiligen Abend so eine Party (oder wie sie es auch nannten) hatten, sie haben sich einfach alle in einem Büro getroffen und bis spät in die Nacht gesoffen. Die letzten fünf Jahre habe ich mich immer an dem Tag abends in den Zug gesetzt und bin in die Stadt gefahren, wo die Fabrik stand, und habe ihn abgeholt. Ich war vierzehn.

In dem Jahr, von dem ich erzähle, war es auch so. Nur gab es Massen von Schnee, das sieht man heute nicht mehr, heute haben wir vielleicht ein bisschen Frost und Matsch, aber damals schneite es im Winter wirklich und manchmal musste man sich an manchen Stellen richtig durch den Schnee durcharbeiten. Als ich damals zur Werkstor kam, war es schon dunkel und es war klirrender Frost. Der alte Bečička ließ mich selbstverständlich hinein und salutierte in ausgelassener Stimmung, weil er mich gut kannte. Beim Vater im Büro ging es laut und lustig zu, ich glaube sogar einige Genossinnen gesehen zu haben, die keine Blusen anhatten und ihre Busen in den BHs aus Jitona ausstellten. Ja klar, die scheußlichen BHs, die man in der Werbung in einer Zeitschrift sehen konnte, die Vlasta hieß, glaube ich.

Als ich herein kam, wurden alle kurz ganz still, aber dann grölten sie, wie sie so in Rage waren, auch mein Vater, obwohl der sich sonst immer in Acht nahm, dass ich nicht sehe, wie er säuft. Und saufen konnte er. Aber auch er war ein guter Genosse, der nach Außen so tat, als ob er das sozialistische Heimatland aufbaute. Zum Saufen mit seinen Kumpeln ging er sonst immer irgendwie um die Ecke, wo man ihn nicht sehen konnte. Aber in diesem Jahr nicht, da war er total enthemmt, und wie er so angeheitert war, schickte er mich nach nebenan zur Sekretärin, ich sollte da mit den Aktenordnern spielen. Ja klar, peinlich war es. Was soll ich Ihnen erzählen. Aber eigentlich habe ich mich gefreut, weil es bedeutete, dass ich das ganze Büro durchstöbern konnte und den Direktor spielen konnte, das hat mir damals ja Spaß gemacht. Dort gab es sogar ein Telefon und es interessierte keinen, ob ich irgendwohin telefonierte, kein Problem. Zum Beispiel gab es damals so einen Ansagedienst, um die genaue Zeit abzufragen, eine Frauenstimme sagte immer „es ist genau neun Uhr und fünf Minuten“ und dann piepste es.

Ich setzte mich an den Tisch, legte das Lineal und den gelben Taschenrechner aus Kunststoff mit dem roten Display, das gewölbt war, damit man die unlesbaren Ziffern doch ein bisschen lesen konnte, vor mich auf hin, und spielte den Direktor der Weltgeschichte. Nach einer Weile guckte Blanka, Vaters Sekretärin, von der ich gerade feuchte Träume hatte, durch die Tür, und warnte mich davor, in das Labor hineinzuschauen, da dort der Weihnachtsbaum stehe, ich solle brav auf das Christkind warten. Das brachte mich natürlich erst auf die Idee! Einerseits wurmte mich schon einige Jahre der Quatsch vom Christkind, weil so etwas nur für fünfjährige Kinder gut sein kann, aber nicht für einen jungen Kerl, der ich wenigstens in meiner Vorstellung war, und andererseits ….
Wenn man in seiner Fantasie die Blanka gerade nackt und in interessanten Positionen vor sich sieht, dann reichts einem, wenn sie mit dir redet, als ob du noch ein Kind wärst.
 
Trotzig schlich ich mich gleich danach auf den Korridor raus und marschierte leise durch die Halle in das Labor. Die Halle an sich war schon recht gespenstisch, obendrein in der dunklen Nacht. Alle automatisierten Fließbänder aus Schweden waren still und bewegungslos, nur aus dem jauchzenden Büro meines Vaters drang Licht durch und jeder Schritt war zu hören wie ein Trommelschlag, den ich mit den Jungs in unserer progressiven Pseudoband spielte.

Als ich die Tür zum Labor öffnen wollte, ging es nicht. Normalerweise war die Tür nicht abgeschlossen, aber jetzt war sie verschlossen. Also habe ich mir gesagt, dass ich mir den famosen Weihnachtsbaum wenigstens durch das Schlüsselloch angucke. Dann passierte es. In der Hocke blinzelte ich durch das kleine Schlüsselloch, und als ich endlich meinen Blick richtig geschärft hatte, kapierte ich, dass mich von der anderen Seite jemand anschaut. Mit einem bösen Auge, wie in dem Märchen im Fernsehen Die Schöne und das Ungeheuer, mit solchen Raubtieraugen. Erschrocken zuckte ich zurück und mit Grauen bekam ich mit, dass jemand die Tür von der anderen Seite aufschließt. Zum Glück war ich schlagfertig genug und rannte sofort los. Blöd war nur, dass ich nicht zum mit Menschen vollgestopften Büro lief, sondern in die andere Richtung, tief hinein in die dunkle Produktionshalle.

Hier erzähle ich das kürzer, denn zu beschreiben, wie oft ich im Dunklen etwas anrempelte oder auf den Boden knallte, hat ja keinen Sinn. Wichtig ist, dass er mich ganz schnell erwischte. Wer? Der Kerl aus dem Labor, oder wer oder was es eigentlich war. Jedenfalls groß und breitschulterig, einen Anzug an, was damals nicht oft zu sehen war, einen altmodischen Hut auf dem Kopf, was ja überhaupt sonst nicht zu sehen war, und vorallem – er hatte eine Maske an. 

Darum will ich bis heute nicht nach Italien fahren, weil es dort solche Leute gibt, wenn die Italiener verschiedene Feste und Karnevale haben. Der Kerl verfolgte mich nicht, suchte mich auch nicht, – er wartete einfach auf mich. Wie er dorthin kam, früher als ich, ahne ich nicht, aber er war einfach ein Schatten und als ich verzweifelt um mich herum tapste, streckte er einfach seine behandschuhte Hand aus und drückte mich an die Wand. In dem Moment bestand meine Welt nur aus seiner Maske. Aus dem langen ledernen Schnabel und den gelben Augen. Ich glaube, er hat mich auch ein bisschen angehoben, was ihm scheinbar nicht viel Mühe machte, obwohl ich mit vierzehn kein Zaunkönig war. Er beobachtete mich kurz und ich hatte den Eindruck, dass er überlegte, was er mit
mir machen sollte. Dann sagte er mit einer verzerrten heiseren Stimme: „Blanka hatte Recht, du solltest auf das Christkind warten“. Und ich machte in die Hosen. Wirklich wahr. Es war mir egal, denn die Angst, die meinen ganzen Körper verkrampfte, tat was sie wollte. Nie wieder habe ich mich so gefürchtet.

Dann ließ er mich los und verschwand im Schatten. Und wissen Sie was? Am nächsten Tag wurde im Labor die Leiche des Stellvertreters gefunden. Er soll eines natürlichen Todes gestorben sein, an Herzschlag, aber ich weiß was ich weiß. Bis heute habe ich es niemandem gesagt, weil mein Alter mich wie einen Hund verprügeln würde, dass ich fabuliere. Aber das ist fünfunddreißig Jahre her, der grüne Rasen deckt ihn schon zu, jetzt ist alles egal. Nur zu Weihnachten achte ich immer darauf, nicht allein und nicht im Dunklen zu sein. Das Christkind ist zwar eine feine Erfindung für Kinder, aber niemand hat je behauptet, dass es ein lieber Kerl sei. Und ich habe das Gefühl, dass er sich genug merkt.
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